Albert Schweitzer - der Geistliche
von Dr. Ingrid Genkel (Lehrerin am ASG)
11.10.2000 St. Johannis Harvestehude
Albert Schweitzer ist uns allen bekannt als Arzt von Lambarene, als „Held der guten Tat“, als „Genie der Menschlichkeit“ wird er verehrt. Aber der lange, anstrengende Weg, der dorthin führte, wird weniger zur Kenntnis genommen und soll heute in Kürze nachgezeichnet werden.
Seine Kindheit und Jugend sei geprägt gewesen von der Leidenschaft des Denkens und einem Mitgefühl mit dem Elend der Welt, berichtete Schweitzer. Aus einer alten Pastorenfamilie kommend, begann er mit diesen Voraussetzungen um die Jahrhundertwende ein Theologiestudium. Hier traf Schweitzers Bedürfnis nach vorurteilsfreiem, wahrhaftigem Denken auf die Texte des Neuen Testaments. Was er in den Hörsälen hörte, kam ihm entgegen, bemühte man sich doch mit historisch-kritischer Textkritik den wahren, echten, lebendigen Jesus wiederzuentdecken und ihn aus den Fesseln der Kirchenlehre zu befreien. Jesus sollte wieder reden. Wo war der historische Jesus und sein Anliegen im Original zu fassen? Die sich widersprechenden Aussagen im Neuen Testament, so fanden die Gelehrten heraus, waren verursacht durch aktives Eingreifen der ersten Anhänger Jesu, die Berichte und Reden sammelten, kommentierten und 60/70 Jahre nach seinem Tod schriftlich fixierten und dabei möglicherweise auch umformulierten Zusätze und Umdeutungen herausgefilterten. Und das Jesusbild, das nun entstand, war ein sehr modernes, das gut in die Zeit des 19. Jahrhunderts passte. Er war danach ein vernünftiger Ethiker, der an den Fortschritt glaubte und seine Zuhörer aufrief, an der Verwirklichung des „Reiches Gottes“ auf allen Ebenen der Gesellschaft mitzuarbeiten. Genau das aber war Jesus nicht, sagt Schweitzer. Er war ganz und gar Kind seiner Zeit, der als Prophet einer spätjüdischen Bewegung das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt predigte und enthusiastisch die Menschen aufrief, angesichts der bevorstehenden Katastrophe eine radikale ethische Entscheidung zu treffen und als Glaubende alles auf eine Karte zu setzen. Damit wurde die Konfrontation mit dem historischen Jesus ungemütlich, denn dieses Ende war nicht eingetroffen. Jesus hatte sich geirrt. Dies muss ertragen werden, sagt Schweitzer, ebenso wie die Erkenntnis, dass er uns immer fremd bleiben wird und kein Zeitgenosse sein kann. Jede Zeit hat in Jesus hineingelesen, was sie hören wollte und brauchen konnte. Er selbst bleibt ungreifbar. Diese Thesen brachten Schweitzer in einen schmerzlichen Gegensatz zu seiner gesamten Umgebung. Es wurde gefragt, ob er noch als Christ zu bezeichnen sei. Er war isoliert.
Hatte die kritische Rationalität Jesus in weite Ferne gerückt, so war die Essenz seiner Religiosität für Schweitzer unzerstörbar. Diese Essenz war der absolute, kompromisslose ethische Wille Jesu und die Deutung seines Todes als Liebestat für alle. Damit blieb die „Herrenwürde“ Jesu, wie Schweitzer sagt, unangetastet. Dem unbekannten, fremden, geheimnisvollen Jesus konnte Schweitzer sich nur im Akt der Nachfolge verschreiben und sich seiner ethischen Unbedingtheit anschließen. Schweitzers voraussetzungsloses Vernunftdenken ließ als Verbindung zu ihm die Mystik. Da mystisches Erleben für Dritte aber nicht erklärbar ist, hörte Schweitzer auf zu reden und wurde ganz und gar ein Mensch der guten Tat. Davon wird gleich die Rede sein.
Dr. Ingrid Genkel
6.10.2000
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