BILDLEISTE

Albert Schweitzer - der Philosoph

Vortrag zum Konzert Bach - Schweitzer
von Dr. Burkhard Reis (Lehrer am ASG)
11.10.2000 St. Johannis Harvestehude

Albert Schweitzer und die Philosophie

Wichtiger noch als die Theologie war für Albert Schweitzer nach eigenen Aussagen die Philosophie. Dies zeigt z.B. seine philosophische Dissertation über Kant von 1899, die er vor der theologischen verfasste. Am wichtigsten war Schweitzer jedoch das tätige Wirken für andere. Es ist daher keineswegs überraschend, dass Schweitzer sich innerhalb der Philosophie zeit seines Lebens auf die Disziplin der Ethik beschränken sollte, und das in einem ganz unakademischen Sinn. Für ihn war Philosophie nämlich alles andere als eine theoretische Beschäftigung mit lebensfernen Problemen. Soll Philosophie etwas wert sein, so muss sie lebendiges Denken werden, d.h. das Leben des Philosophierenden verändern. Schweitzers philosophisches Hauptwerk, die zweibändige, in Afrika geschriebene Kulturphilosophie von 1923, unternahm den Versuch, mit den Mitteln der Vernunft eine neue humane Weltanschauung zu begründen. Nur wenn sich die weltanschaulichen Überzeugungen der Menschen grundlegend änderten, sei die menschliche Kultur vor ihrem Untergang zu retten, würde sich eine Katastrophe wie der 1. Weltkrieg nicht wiederholen. Zur Begründung einer neuen Weltanschauung aber war ein neues Grundprinzip der Ethik vonnöten, am besten eines von solcher Evidenz, dass es allen Menschen guten Willens, also nicht nur den religiösen, unmittelbar einleuchten würde.

Schweitzer zeigt zunächst in einem eindrucksvollen Durchgang durch die gesamte Philosophiegeschichte, dass weder die westlichen noch die östlichen Denker beanspruchen können, ein solches Prinzip gefunden zu haben. Lehrten sie eine Ethik der Hingebung an andere, so begründeten sie diese oft mit der sinnvollen Einrichtung des Weltganzen, einer Einrichtung, die nach den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften nicht bewiesen werden kann; lehrten sie dagegen eine Ethik aus dem Streben nach Selbstvervollkommnung, so empfahlen sie dem Einzelnen häufig eine innere Distanz zur äußeren Welt, eine Haltung der Weltverneinung also, die gerade nicht in der Lage ist, das ethisch gebotene Wirken für die Welt und für andere zu begründen. Albert Schweitzer war fest davon überzeugt, mit seiner einfachen Formel „ Ehrfurcht vor dem Leben“ einen Weg gefunden zu haben, eine Ethik der Welt- und Lebensbejahung zu begründen, ohne der Welt als ganzer einen unbeweisbaren Sinn zu unterstellen. Habe ich erst einmal als die einfachste Tatsache meines Bewusstsein begriffen, dass ich Leben bin, das Leben will, so habe ich - nach Schweitzer wohlgemerkt! - damit zugleich begriffen, dass alles Lebendige um mich herum denselben Lebenswillen hegt. Aus Wahrhaftigkeit ergibt sich nun die Pflicht, sämtliches Leben, das eigene wie das fremde, zu bewahren und zu fördern. Sensationell neu im Vergleich zu den meisten älteren Philosophen ist die Konsequenz, dass der Mensch auch Pflichten gegenüber Tieren und Pflanzen hat. Schweitzers Forderungen, verirrte Regenwürmer auf die Wiese zurückzutragen oder ertrinkende Insekten mit einem Blatt aus dem Wasser zu fischen, werden häufig zitiert und bringen gerade dieses Neue zum Ausdruck. Sie sollten jedoch nicht missverstanden werden: Der Urwalddoktor war sich immer bewusst, dass in fast allen Fällen Leben nur auf Kosten anderen Lebens bewahrt werden kann, und hätte niemals daran gedacht, die Behandlung eines schwerkranken Menschen abzubrechen, um dem Lebensdrang der Krankheitserreger nicht im Wege zu stehen. Irritierend bleibt, dass er sich in seinem Werk keinerlei Mühe macht, die offenkundigen Rangunterschiede innerhalb des Lebendigen auszuarbeiten, obwohl es Konfliktsituationen gibt, in denen es keineswegs unmittelbar einsichtig ist, welches Leben den Vorzug verdient. Schweitzer vertraut hier wohl zu sehr auf die ethischen Intuitionen des Einzelnen. Alle philosophische Kritik an seinem Entwurf muss jedoch letztlich vor der seltenen und erfolgreichen Übereinstimmung zwischen Leben und Lehre verblassen: Schweitzer, so hat man einmal treffend gesagt, lebte nicht, wie er lehrte, sondern lehrte, wie er lebte.

Hochaktuell scheint mir allerdings seine Lehre zu sein, wenn man sie auf die gegenwärtige Debatte um die Gentechnik bezieht. Wenn Leben in all seinen Formen der höchste und letzte, weil voraussetzungslose, Wert ist, so kann es nicht erlaubt sein, über dieses Leben in seinen Frühstadien wie über ein unbelebtes Ding zu verfügen, nur weil die Biologie die materielle Grundlage dieses Lebens sehr viel besser durchschaut als früher. Dass Schweitzer uns eine Definition des Lebens schuldig bleibt, dürfte daran liegen, dass Leben als letzter Wert - den man eben wahrnehmen kann oder auch nicht - ein unergründliches Geheimnis bleiben muss. Es ist müßig zu fragen, ob Albert Schweitzer die Gefahren der Biotechnologie genauso um den Schlaf gebracht hätten wie die Atomwaffenversuche in den 50er Jahren. Die Forderungen der Ehrfurcht vor dem Leben für die Gegenwart zu formulieren, zu klären, ob und wie wir heute die Verantwortung für alles Lebendige übernehmen wollen, das ist nicht mehr seine, sondern unsere Aufgabe.

Dr. Burkhard Reis
6.10.2000




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